Der nachfolgende Text stammt nicht von mir (siehe Quelle), könnte sich
aber hier genauso zutragen, was sehr schade wäre. Ihn zu lesen ist
bestimmt nicht verkehrt! Thx.
Wenn Vogelfreunde im Herbst ihre Nisthöhlen reinigen, entdecken sie
immer wieder einmal ein oder zwei mumifizierte oder skelettierte
Meisenkinder im Nistmaterial. Diese sind allerdings noch kein Grund für
ernsthafte Besorgnis, da solch geringe Verluste von der Natur durch die
Gelegegröße (Kohl- und Blaumeisen: bis zu 12 bzw. 14 Eier) leicht
ausgeglichen werden. Ein Problem gibt es jedoch, wenn die gesamte Brut
tot im Nest liegt.
Ein halbes Dutzend möglicher Gründe kommen für einen solchen Totalverlust in Frage:
- Verhungern aufgrund von Störungen: Dies war hier extrem unwahrscheinlich, da Kohlmeisen innerhalb menschlicher Siedlungen nur auf starke Störungen empfindlich reagieren, eine solche aber nicht vorgekommen war.
- Verhungern mangels Insekten: Eine ausgesprochene Schlechtwetterperiode hatte es allerdings in dem betreffenden Zeitraum nicht gegeben.
- Verhungern durch Tod der Eltern: möglich, aber hier nicht sehr wahrscheinlich, da es im unmittelbaren Umfeld des Grundstücks keinen Straßenverkehr gibt. Meisen werden allerdings von Katzen erbeutet.
- Vergiftung durch Biozide: war zwar nicht ausgeschlossen, in der Nachbarschaft war aber erst nach dem Ausbleiben der Altvögel Gift gegen die "riesige Blattlausplage" gespritzt worden (übrigens unnötig, da betroffene Sträucher wieder ausschlagen).
- Tod durch bakterielle Erkrankung: durchaus möglich - besonders wenn verdorbenes Vogelfutter im Spiel ist.
- Tod durch falsches Futter: ebenfalls möglich, da Nachbarn schon in früheren Jahren ihre Winterfütterung bis in die Brutzeit hinein aufrechterhalten hatten und die schwerer verdauliche pflanzliche Kost für Meisen- und viele andere Nestlinge noch ungeeignet ist.
Zum Glück warf ich das Nest nicht sogleich auf den Komposthaufen,
sondern fotografierte es erst und untersuchte es dann. Die
wahrscheinliche Ursache für die kleine Tragödie wurde nämlich erst
sichtbar, als ich die vertrockneten Jungtiere aus dem Nistmaterial
löste und dabei zwischen und unter ihnen in der oberen Schicht 17 (!)
alte Sonnenblumenkerne entdeckte. Offenbar hatten die Altvögel statt
tierischer Proteinträger, auf die die Vogelbrut angewiesen ist, die
bequem erreichbaren Sonnenblumenkerne angeboten; deren Aufnahme wurde
entweder komplett verweigert, oder aber die Jungmeisen schluckten
anfangs tatsächlich einige Kerne, die dann entweder schon durch ihre
pflanzliche Natur eine Verdauungsstörung oder aufgrund ihrer
bakteriellen Verseuchung gleiche eine Darminfektion verursachten.
Wieso aber verfüttern Altvögel Samen statt Insekten, Spinnen etc.?
Die Antwort hängt sicherlich damit zusammen, daß es die bei Meisen
beliebten fetthaltigen Samen der Sonnenblume in der Natur zur Brutzeit
nicht gibt, so daß die Vögel überhaupt nicht gezwungen waren, für
diese Zeit ihr Futterschema zum Schutz der Jungen auf tierische Kost
einzuengen.
Meisen sammeln im Frühjahr das, was es zu dieser Jahreszeit
natürlicherweise gibt: Raupen, Blattläuse, Spinnen etc.; in großen
Massen vorkommende Beutetiere werden aus Gründen der Arbeitsökonomie
bevorzugt und bestimmen das zur Zeit gültige Suchbild mit - d.h.
Schlüsselreize wie eine bestimmte Form, Farbe oder Bewergung des
Futtertiers, die den Beutefang auslöst. Wird die bevorzugte tiereische
Nahrung seltener, können manche Vögel auf andere, gerade besonders
häufige Beute auseichen, also ein neues Suchbild entwickeln.
Im dargestellten Fall könnte es nun so gewesen sein, daß den
Kohlmeisen die jederzeit leicht und in beliebigen Mengen erreichbaren
Sonnenblumenkerne gegenüber dem weiterhin vorhandenen, aber vielleicht
geringeren tierischen Futterangebot als die weiaus üppigere und somit
attraktivere Nahrungsquelle erschienen; sie wirkten in ihrer Masse als
übernomaler Auslösser des Beutefangs und wurden folglich als neues
Suchbild "einprogrammiert". Daß dieses auch die Barriere zur (im
Frühjahr unnatürlichen) Nahrung durchbrechen kann, läßt sich
vielleicht dadurch erklären, daß die Sonnenblumenkerne unseren
Stadtmeisen aus der Herbst- und Winterzeit sehr vertraut sind und daß
die Vögel geradezu auf dieses Futter dressiert werden, so daß sie
schließlich sogar in Häuser eindringen. Dieses "zivilisierte"
Verhalten mag dem Menschen interessant und "putzig" erscheinen, den
Vögeln aber tut es, wie wir sehen, nicht gut.
Vogelfreunde sollten aus solchen durch Gedankenlosigkeit verursachten
Vorfällen Konsequenzen ziehen und zunächst überprüfen,
- ob überhaupt eine Winterfütterung notwendig ist: In den letzten milden Wintern war sie es jedenfalls nicht;
- ob die Fütterungsmethode und die Menge stimmen: Die herkömmlichen Futterhäuschen erweisen sich allzuoft als tödliche Infektionsquellen, da oft auch bei Temperaturen über Null gefüttert wird; besser für Körnerfutter sind einfache und billige, aber hygienische Futterspender;
- ob sie wirklich den bedürftigen Arten helfen oder nur die bekannten Allerweltsarten einseitig begünstigen: Gerade die ebenso häufigen wie intelligenten und anpassungsfähigen Meisen könnten die selteneren Arten und Zugvögel sonst eines Tages aus ihren ökologischen Nischen verdrängen.
Hat sich der Vogelfreund für eine überlegte Fütterung entschieden,
sollte er diese auf die wirklichen, eisigen Schlechtwetterlagen
beschränken (dann aber durchhalten), bei Temperaturen im Plus-Bereich
(Infektionsgefahr!) den Futterplatz sorgfältig säubern - und vor
allem: spätestens zu Beginn der Brutzeit im März kein Körnerfutter
mehr anbieten.
Quelle: http://www.tierundnatur.de
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